Seehofers Intimfeind rackert weiter für Bayern

WELT, 02. Oktober 2014

02.10.2014 | Welt, Peter Issig | von Peter ISSIG

Ex-CSU-Chef Erwin Huber ist auch mit 68 Jahren noch unermüdlich in Stimmkreis und Landtag aktiv. Er will die Wirtschaftskompetenz seiner Partei retten – und Seehofers politisches Ende noch miterleben.

Erwin Huber sitzt an einem Biertisch im Bauhof von Loiching in Niederbayern. Hier verkaufen heute die Landfrauen Kaffee und Kuchen und betreuen die Kinder, während die Eltern über die Gewerbeschau schlendern und sich über Rasenmäher oder Futtermittel informieren. Mehr als 1000 Besucher werden erwartet. Huber ist jedes Jahr bei dieser "Leistungsschau der örtlichen Betriebe" dabei. Die politische Pflege seiner "niederbayerischen Heimat Niederbayern", wie Huber zu sagen pflegt, nimmt der 68-jährige Ex-CSU-Chef noch immer ernst, die aktive Begleitung der Landespolitik nicht minder.

"So einer wie Huber tut uns gut", sagt ausgerechnet einer der Jüngsten in der CSU-Landtagsfraktion. Als Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses hält Huber die Fahne der CSU als einer Partei der Wirtschaft und des Mittelstands hoch. Dass es in diesem Bereich Defizite – vor allem in Berlin – gebe, verhehlt er nicht: "Für die Zukunft der Wirtschaft ist das Gelingen der Energiewende natürlich höher anzusetzen als die Maut", sagt Huber.

Eine direkte Kritik am Parteivorsitzenden Horst Seehofer? Nicht mit Huber: "Seehofer kommt doch bei allen gut an", sagt er – und zusammen mit einem Parteifreund, der neben ihm sitzt, lächelt er zufrieden und lässt die Augen blitzen, als wollte er signalisieren: "Achtung, das ist niederbayerische Ironie!"

Denn Huber gilt noch immer als einer der zähesten parteiinternen Gegenspieler Seehofers. Nur rund zwölf Monate, 2007 bis Oktober 2008, war Huber Parteivorsitzender der CSU und damit am Ziel seines politischen Ehrgeizes angekommen. Dann, nach einem unglücklichen Doppelspitzen-Jahr mit Günther Beckstein als Ministerpräsidenten, kürte die CSU Seehofer zum Heilsbringer und ließ Huber fallen. Das wirkt nach.

"Habe kandidiert, um Seehofers Scheitern mitzuerleben"

Zwei – nie dementierte – Aussagen festigten Hubers Ruf als Seehofers Intimfeind: Er werde noch im Grab die Hand heben, wenn es gelte, Seehofer zu verhindern. Und: 2013 habe er nur wieder für den Landtag kandidiert, um Seehofers Scheitern mitzuerleben. Auf Hubers Homepage ganz oben steht sein "Spiegel"-Interview vom Juni, direkt nach der Europawahl. Überschrift: "CSU-Wahldebakel – Huber rechnet mit Seehofer ab". Darunter ist dann die offizielle Jubelmeldung über Seehofers "Grundsatzrede" bei der jüngsten Klausurtagung in Banz zu lesen: "Politik nah am Menschen". Vielleicht ist das auch niederbayerische Ironie.

Denn so richtig nah dran am Menschen empfindet Huber die Politik seiner Partei offenbar nicht immer: In seinem Stimmkreis Dingolfing – wo das weltweit größte BMW-Werk steht – spiele die Maut keine große Rolle. Das bewege eher die Grenzregionen, sagt er. Auch der Mindestlohn ist kein Thema. Hier gibt es andere Sorgen. Huber sorgt sich um die Emanzipation: Zu wenige junge Frauen würden in technische Berufe gehen. Huber ruft bei seinem Bierzeltauftritt die Unternehmen auf, sich "das Potenzial der jungen Damen" nicht entgehen zu lassen. Denn im Huber-Land bremst der Fachkräftemangel das Wirtschaftswachstum.

Die Region prosperiert seit Jahren. Die rund 18.000 BMW-Mitarbeiter verdienen so viel wie im 100 Kilometer entfernten München, die Lebenshaltungskosten sind aber deutlich geringer. Fast jeder Arbeiter wohnt hier im eigenen Haus. "Den Menschen hier geht's gut", sagt Huber, nicht ohne Stolz.

Für ihn, der die meiste Zeit seines Lebens der CSU gewidmet hat, bayerischer Wirtschaftsminister und Finanzminister war, ist es keine Frage, dass seine Partei an diesem Aufschwung großen Anteil hat. Oder wenn die 3600-Einwohner-Gemeinde "auf trickreiche Weise" zu einem Autobahnanschluss kommt. "Der Erwin ist unser effektivster Abgeordneter, der setzt mehr durch als manches Kabinettsmitglied", sagt der örtliche Bundestagsabgeordnete Max Straubinger.

Huber ist ein Kämpfer aus ärmlichen Verhältnissen

Solches Lob motiviert Huber, auch wenn er weiß, dass selbst wohlmeinende Parteifreunde sich immer wieder fragen: "Warum tut er sich das noch an?" Auf Lorbeeren ausruhen will sich Huber nicht, lieber rackert er als einfacher Abgeordneter weiter. Einer, der sich aus ärmsten Verhältnissen über das Abendgymnasium zur Universität und schließlich in höchste Staatsämter hochgearbeitet hat, kann nicht anders. "Ich mache das einfach gern. Ich bin ein glücklicher Mensch."

Er arbeitet pflichtbewusst im Landtag, aber er genießt es, in seinem Heimatort Reisbach und Umgebung unterwegs zu sein. Hier wird er noch immer als "Herr Staatsminister" begrüßt und bejubelt, wenn er über die Oberbayern lästert, die "weit hinter den Niederbayern zurückliegen". Hier erfahre er, was die Menschen bewege, was sie denken, was die Wirtschaft brauche, abseits der Verlautbarungen ihrer Verbände. "Es sind zwei Welten, in denen ich lebe. Und das ist besser, als nur in einer zu leben", sagt Huber.

So verbringt der ehemalige CSU-Chef, den Angela Merkel auch schon mal ins Kanzleramt holen wollte, seine parlamentsfreien Samstage bei der Gewerbeschau, auf einer Waldbesichtigung mit anschließender Siegerehrung des Wettbewerbs "Wald und Wild" mit Rehragout-Essen, bevor er abends zum Weinfest des CSU-Ortsverbands Dingolfing geht. Und überall wirbt er für seine politische Agenda.

Ganz oben stehen bei ihm die Wirtschaftspolitik und die Energiewende. Alles was er dazu sagt, kann durchaus als Hinweis auf die Versäumnisse der Regierung Seehofer gedeutet werden, die sich in der Energiepolitik und ihrer "Koalition mit der Bevölkerung" heillos verstrickt hat. Huber drängt deswegen: "Die Probleme kommen in Bayern erst noch. Von unseren fünf Kernkraftwerken ist erst eines stillgelegt. Die Aufgaben der sicheren Stromversorgung für Bayern werden größer, nicht kleiner."

Trassen in Bayern gegen hohe Strompreise

Um diese Aufgaben zu erledigen, seien natürlich neue Stromtrassen notwendig, und natürlich würden die mitten durch Bayern gehen. "Sonst bekommen wir in Deutschland einen Zwei-Zonen-Strompreis", einen billigeren im Norden und einen teureren im Süden. "Das wäre das Schlimmste, was Bayern passieren kann."

Aber auch bei anderen wirtschaftspolitischen Themen hält Huber mehr politisches Engagement für notwendig. Die Stichwörter sprudeln nur so aus ihm heraus: Gentechnologie, Fracking, Nanotechnologie, Digitalisierung. Es sind keine Wohlfühlthemen. Aber wer kein Wagnis eingehe, könne den Wohlstand gefährden. "Wir verlieren Zeit im Vergleich zu Asien oder anderen aufstrebenden Weltregionen", sagt Huber. Und spricht sogleich das nächste Reizthema an, das bei der Staatsregierung schlummert: der Bau einer dritten Startbahn am Münchner Flughafen. Der Plan habe nun eine zweite Chance verdient.

Eine Volksbefragung über das Großprojekt, wie sie Seehofer ins Spiel gebracht hatte, hält Huber aber für wenig sinnvoll: So etwas könne man doch nicht am Ende eines Verfahrens machen. Er plädiert für konsequente politische Führung. "Es ist nicht alles im Konsens durchzusetzen, man muss auch mal sich hinstellen." Damit präge man auch das öffentliche Bewusstsein, meint Huber. Dass er damit einen wetterwendischen Seehofer anspricht, muss er gar nicht sagen.

Huber brennt weiterhin für seine Themen. Seine Rolle gefällt ihm. Augenzwinkernd zitiert er (sinngemäß) George Bernard Shaw: "Alte Männer sind gefährlich, weil sie keine Zukunft haben." Dass er auch 2018 wieder für den Landtag kandidiert und damit Seehofer politisch sogar überleben könnte, verneint Huber: "Nein, das beenden wir gemeinsam."


PETER ISSIG, WELT, 02. Oktober 2014